Fußball, Rasse, Blut und Boden
Die Würde des Menschen ist antastbar

Es geht weiter. Als wäre Mesut Özil ein Fußball, auf den man unaufhörlich eintreten darf, bis er ins Aus fliegt. Als hätte Özil ein Verbrechen riesigen Ausmaßes begangen. Die Reihenfolge der beschämenden Aktionen um den Fußballer muss hier nicht noch einmal erörtert werden. Die ist bekannt. Man muss nicht einmal alle Veröffentlichungen komplett gelesen haben - oft genügen die Schlagzeilen.

Von Anfang an der Tragödie waren viele Äußerungen gegen Özil rassistisch geprägt. Bei Twitter und Facebook entluden sich die niedersten völkischen Instinkte. Aufgeheizt von BILD & Co. Nach dem, natürlich zweifelhaften Foto, mit Erdogan war er plötzlich ein schlechter Fußballer. Löw solle ihn aus der Mannschaft ausschließen. Özil gehört nicht zu Deutschland, weil er die Hymne nicht mitsingt. Er möge in die Türkei gehen und die anderen Türken gleich mitnehmen. Ein Nationalspieler müsse sich zu "Deutschland" bekennen u.s.w. Das war vor der WM.

Während der WM kam es dann bei Facebook noch schlimmer. Dort wurde die gesamte Mannschaft infrage gestellt - sie spielten schlecht, weil sie zu viele "Schwarze" und natürlich Özil dabei hätten. Nicht ohne gleich anzumerken, dass sie keine Rassisten seien, und schon gar keine Nazis, die solche Widerwärtigkeiten schrieben. Sie seien eben "Deutsche" und durch einen deutschen Pass würde ein Ausländer niemals ein "Deutscher".

Und nach dem WM-Aus? Mezut Özil stand noch mehr am Pranger, als hätte er allein auf dem Spielfeld gestanden. Einige Medien spielten dieses scheußliche Spiel munter mit. Der mediale Spießrutenlauf für den Fußballer, der immerhin schon einmal Weltmeister war, vermittelte und vermittelt immer noch den Eindruck, man braucht einen Sündenbock und dass muss unbedingt ein Mann mit dem sogenannten Migrationshintergrund sein. Es geht längst nicht mehr um die Fotos mit Erdogan. Özil hätte in seiner Erklärung schreiben können, was er wollte, die Kampagne war angelaufen und niemand fand sich bereit, diese zu stoppen.

Es offenbart sich, dass in der BRD das völkische Denken weiter auf dem Vormarsch ist, . "Deutsch-Türke", "der und der mit den und den Wurzeln" - alles Begriffe, die diese nationalistischen und völkischen Ausgeburten ermöglichen. Sie werden unaufhörlich gebraucht, als hätten diese eine Bedeutung. Der Mensch tritt in den Hintergrund. Manche gebrauchen sie ganz bewusst, andere wieder aus Oberflächlichkeit. Die "Blut-und-Boden-Rhetorik" schwappt einem täglich ins Gesicht. Gefühlt in der Fußballwelt ganz besonders oft.

In diesem WM-Nachspiel gibt es nur Verlierer. Ganz abgesehen davon, dass sich Erdogan ins Fäustchen lacht. Und es zeigt auch, dass die Löwsche Mannschaft einen notwendigen Teamgeist vermissen lässt. Anders ist das Schweigen der anderen Fußballer nicht zu verstehen. Löw macht es vor - das Schweigen. Wo sind aber Müller und die anderen Spieler? Es geht um ein Mitglied der Mannschaft, mit dem man mal Erfolge gefeiert hat. Dürfen die Fußballer von FC Bayern nichts sagen? Nach dem Foul durch Uli Höneß, dass eine Sperre verdient hätte, könnte man fast denken, dass da ein Maulkorb umgelegt wurde.

Einzig Lukas Podolski, der Mittelstürmer, der bei Vissel Kobe spielt, stellte sich vor Mesut Özil. Das ist aller Ehren wert. Bei Facebook musste auch er Beleidigungen ertragen. Und es wird weitergehen.

War die "Niederlage" zur WM ein sportlicher Misserfolg, so ist die Kampagne um Mesut Özil ein Schritt in den Abgrund menschlichen Daseins. Die Nationalmannschaft, viele Medien, Sportfunktionäre und Politiker haben die WM ein zweites Mal verloren. Wer einen einzelnen Menschen so vor sich hertreibt, wer stündlich die Würde dieses Menschen nicht nur antastet, sondern mit Füßen tritt, trägt langfristig zur Verrohung der Gesellschaft bei. Dabei beklagen immer wieder genau diese Leute diese Verrohung. Solange von Menschen mit irgend welchen "Wurzeln" geschwurbelt wird, solange im Grundgesetz und in anderen Gesetzeswerken noch der Begriff "Rasse" gebraucht wird, Floskeln vom "zu Deutschland stehen, sich identifizieren mit Deutschland" in den Medien stehen, solange werden wir nicht ausmerzen, dass sich mehr und mehr Bewohner dieses Landes als Ethnie sehen, völkisch denken und "Fremde" immer mehr hassen. Es wird nicht nur bei medialen Hexenjagden bleiben - es wird schlimmer. Das im Grundgesetz formulierte Ziel, die Würde des Menschen sei nicht antastbar, haben wir in diesem Land nicht nur noch nicht erreicht, sondern gerade den Beweis dafür geliefert, dass wir uns mehr und mehr von diesem Ziel entfernen.

Jonny Michel

 

fussball

nachpoliert

Home - Politik - Geschichte - Kolumnen - Fotos - Sehenswürdigkeiten - Impressum/Datenschutz