2.07.20019

Offener Brief an den Bürgermeister von Lößnitz/Erzgebirge, Alexander Troll

Glockenspiel mit Hakenkreuz und faschistischen Sprüchen auf dem Kirchturm in Lößnitz/Erzgebirge
symbolfoto.
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Alexander Troll,

mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgen wir, die Mitglieder des Vorstandes der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) Chemnitz, die Entwicklung in der Diskussion bzw. ausbleibenden öffentlichen Diskussion über das im Eigentum der Stadt Lößnitz befindliche Glockenspiel. Freilich hat es mehr versteckt als offen auch in der Vergangenheit Veröffentlichungen zu den Texten und Symbolen auf den Glocken gegeben, aber thematisiert wurde dies nicht.

Glocken, egal ob sie nun liturgisch oder anderweitig klingen, verkünden immer auch das, was eingegossen oder graviert ist. So sieht es auch die Landesbischöfin  llse Junkermann, die dies öffentlich im Rahmen der Kirchenglocken-Diskussion in Sachsen-Anhalt und Thüringen bekundete. So sahen sich diese beiden Landeskirchen in der Pflicht und reagierten. Die meisten Glocken schweigen in Mitteldeutschland bereits. Herxheim am Berg, eine Gemeinde in Westdeutschland, galt dabei als Vorbild.

In Lößnitz sehen wir jedoch noch nicht einmal den Ansatz, dass Sie und der Bronzeglockenverein sich ernsthaft und kritisch auseinandersetzen wollen. Das zeigt auch ihr Brief, der im Heimatblatt veröffentlicht wurde. Ja, Herbert Göppert, der Ortschronist, veröffentlichte im Heimatblatt einen vollkommen kritiklosen Abriss der Geschichte des Glockenspiels. Auf Wikipedia ist ebenfalls von den Glocken und deren Inschriften zu lesen, jedoch ohne Auseinandersetzung damit, was auch Wikipedia überfordern würde. Und da Sie in Ihrem Brief noch das Kinderbuch "Wendelin..." als Beleg für eine Auseinandersetzung anführen, sei auch gesagt, das im Buch lediglich Relativierungen und  Bewunderungen für die Stifterin Clara Pfauter, eine nachweislich glühende Faschistin, zu lesen sind.

Das alles ließe sich noch verschmerzen. Aber dass der Verein es bis heute nicht geschafft hat, seinen Internetauftritt zu überarbeiten, um damit auf die ganze Geschichte des Glockenspiels aufmerksam zu machen, zumindest aber das Hohelied über die Stifterin richtigstellt, sehen wir als VVN-BdA  sehr kritisch. Liegt das eventuell daran, dass der Vorsitzende des Vereins Frank Rother, sollte es keine zufällige Namensgleichheit sein, mit dem stellvertretenden Leiter des Bau- und Ordnungsamtes identisch ist?  Der Vereinsvorsitzende Frank Rother beweist jedenfalls eine gewisse politische Unbedarftheit, indem er der LINKEN in Lößnitz auf Anfrage, ob dem Verein das Verhältnis der Stifterin zum Hitlerregime bekannt sei damit, dass darüber nichts bekannt sei. Auch über die weitere Verstrickung der Firma Pfauter mit den Faschisten will Herr Rother nichts wissen. Er beruft sich im Schreiben an die LINKE auf Herbert Göppert, der jedoch nichts Wesentliches darüber schreibt. Diese historische Naivität bestürzt uns.

Noch kritischer sehen wir allerdings die Geschichtsverdrehungen in Ihrem Brief im Heimatblatt. Sie führen den angeblichen Kampf der Lößnitzer um den Erhalt der Glocken bis 1942 an. Sie heroisieren diesen Kampf zum Widerstand gegen das Naziregime. Sie verkünden, dass das Glockenspiel der Kriegsmaschinerie "entrissen" wurde und schreiben wörtlich: "Das Instrument hat sich gegen die Kriegswaffe durchgesetzt - gerade in der Zeit des Nationalsozialismus und symbolisiert deshalb in besonderer Weise den Grundsatz „Schwerter zu Pflugscharen“'. Das ist, gelinde geschrieben, eine Verhöhnung dieser Bewegung. Das Glockenspiel sollte keiner Kriegsmaschinerie entrissen werden, sondern schlichtweg erhalten bleiben. Da lässt sich nichts hinzudichten, wie in Ihrem Schreiben.

Die Glocken wurden keinesfalls durch die Interventionen von Lößnitzern vorm Einschmelzen gerettet. In den antifaschistischen Widerstand lässt sich des ebensowenig einordnen. Das beweist sogar der Ortschronist Herbert Göppert. Er konstatiert, dass die Glocken letztlich durch die Fürsprachen eines Verwandten der Firma Schilling in Apolda, der Glockengießerei, gerettet worden seien. Dieser Verwandte, Franz Schilling, hatte großen Einfluss in Berlin. Er war seines Zeichens Flieger-Stabsingenieur, was dem Dienstgrad eines Majors entspricht. Nicht unerheblich dürften auch Interventionen der Familie Pfauter gewirkt haben. Die Firma galt als kriegswichtig. Die Geschäftsführer waren NSDAP-Mitglieder seit 1932. Clara Pfauter, bis 1944 in der Geschäftsleitung tätig und für die Ausbeutung von Zwangsarbeitern und französischen Kriegsgefangenen mitverantwortlich, ließ sich im Apoldaer Tageblatt 1939 zitieren: "Nach Wunsch der Stifterin des Glockenspiels soll es künden von der Dankbarkeit, die das deutsche Volk seinem Führer und seiner Bewegung schuldet".

Und Sie schreiben: "Wenn unser Glockenspiel erklingt, steht es deshalb vor allem für Frieden, für Freiheit und für den Widerstand der Lößnitzer Bürger gegen die Kriegstreiberei der Nationalsozialisten." Dieser Aussage stehen aber nunmal die Symbole und Schriften im Weg. Das lässt sich nicht schönreden. Ein antifaschistischer Widerstand ist ebenfalls nicht belegbar. Ein tödlich giftiger Pilz wird nicht deshalb essbar, weil man ihn einfach zum essbaren Pilz deklariert. Und die Schriften auf den Glocken samt Hakenkreuze sind toxisch und werden toxisch bleiben. Mit "Ein Reich", Ein Volk", "Ein Führer" lassen sich keine Friedensbotschaften verkünden. Da denken wir noch nicht einmal an die Unerträglichkeit, dass Sie das Glockenspiel 2012 nach Jerusalem übertragen haben.

Wir, die Mitglieder des Vorstandes des VVN-BdA Chemnitz e.V., bitten Sie nachdrücklich, Ihre Haltung zum Glockenspiel zu überdenken. Wir sehen keine Möglichkeit, wie das Glockenspiel in seiner jetzigen Form weiterbetrieben werden könnte. Es ist auch nicht hinnehmbar, dass bei all dem Wissen ein Einweihungsjubiläum für den Herbst vorbereitet wird. Folgen Sie den Praktiken der evangelischen Kirchen Mitteldeutschlands! Folgen Sie der Bischöfin Ilse Junkermann, die für Sie ein Vorbild sein muss!

Wir werden als Antifaschisten, gerade in  der jetzigen konfliktreichen Zeit, weiter die Glockenpraxis von Lößnitz öffentlich kritisieren.


In diesem Sinn verbleiben wir

mit freundlichen Grüßen

Enrico Hilbert
Vorsitzender VVN-BdA Chemnitz e.V.
im Namen des Vorstandes

PS: Auf diesen offenen Brief hat der VVN-BdA Chemnitz e.V. bis heute, 28.08.2019, keine Antwort erhalten. Allerdings schrieb uns Matthias Henke, Stadtrat für die AfD in Lößnitz einen freundlichen Brief, den wir niemanden vorenthalten wollen. Post von Henke lesen

nachpoliert

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